Nein, ich habe heute keinen guten Tag. 22 Jahre zurück in der Vergangenheit war der 26. Jänner wohl einer der schlimmsten Tage meines Lebens, und ich hab Teile davon vor meinem inneren Auge, als wäre alles erst vorgestern passiert.
Meine jüngste Tochter, Miriam, 1991 schwer krank geboren, war zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Wochen im Spital. Es sollte ihr ein Schant gelegt werden an diesem 26.1.
Am Vorabend war ich noch bei ihr, sie war grantig, quengelig, nicht gut drauf, wie man heute so sagt.
Ich musste die Einverständniserklärung für die am darauffolgenden Tag statt findende OP unterschreiben und rief zu diesem Zweck kurz meinen Mann an, dem alles bereits erklärt worden war.
Ich fuhr in Gedanken versunken nach Hause. Eine OP ist immer so eine Sache, umso gefährlicher bei einem schwerkranken Kind.
Irgendwann sehr zeitig in der Früh, es muss so rund um 6:00 Uhr gewesen sein, Trubel in der Wohnung. Alle Kinder wach, unser Perserkater irgendwie verstört. Rückblickend, nichts war so wie sonst.
Wir hatten damals eine Videothek am Heumarkt in Wien und mussten ins Metro, um Getränkenachschub zu besorgen. War auch irgendwo eine Ablenkung, um nicht ständig an die OP der Kleinen zu denken.
Und wir hatten damals den Vorreiter des heutigen Handys, ein Autotelefon. Einen Prügel, mit dem man jemand hätte erschlagen können. Als wir gerade die Paletten mit Dosen ins Auto luden, kam ein Anruf.
Mein Mann ging ran und ich hörte aus dem Gespräch heraus, dass er it einem Arzt telefonierte. Klar, die OP war ja für diesen Tag angesetzt.
Als er das Handy abdrehte, sah er mich an und sagte: "Die Miriam hats geschafft." Ich freudig, "ja, ist die OP gut verlaufen?"
Er darauf, "nein Schatz, die Miriam ist heute Morgen gestorben."
Was ich genau in diesem Moment empfand, ich weiß es nicht mehr, aber es war schrecklich. Ich weinte, ich schrie, ich war mit Sicherheit hysterisch, ich knallte meinen Kopf gegen das Armaturenbrett.
Er fragte mich, ob ich sie nochmals sehen wollte. Natürlich, natürlich wollte ich mein Baby sehen. Ich hoffte, dass alles nur ein Riesenirrtum war und dass sie wohlauf im Spital liegen würde.
Aber dem war nicht so. Wir kamen im Krankenhaus an und wurden zum behandelnden Arzt geführt. Der ging mit uns in den Raum, wo meine Kleine lag, bereits mit einem Leintuch zugedeckt.
Als man das Tuch von ihr nahm, fielen mir drei Dinge auf. Im Augenwinkel eine träne, in den Lendenbeugen je ein Pflaster und ein total friedlicher Ausdruck in ihrem Gesicht. Man hätte es fast als Lächeln deuten können.
Auf meine Frage, wofür die Pflaster seien, wurde mir erklärt, dass man noch einen Blutaustausch versucht hätte, um die totale Stoffwechselentgleisung, die sie in der Nacht gehabt hatte, in den Griff zu bekommen.
Gestorben war meine Kleine letztendlich an Herzversagen. Es hatte an diesem Tag 21°C plus in Wien. Das hatte der kleine, gequälte Körper einfach nicht mehr ausgehalten.
Man sagt die Zeit heilt alle Wunden. Aber es bleiben Narben, und die schmerzen, im Prinzip tagaus, tagein. Bis heute. Ich muss heute nicht mehr ständig weinen, wenn ich an sie denke, aber es tut immer noch verdammt weh.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen